2. Nutzung von E-Books

2.3 Zitierbarkeit von E-Books

1Die Frage der Zitierbarkeit von E-Books stellt sich eigentlich nur, wenn im Wissenschaftsbereich ein Format mit dynamischem Layout verwendet wird, also entweder EPUB oder Mobi/AZW. Bei der gängigen PDF-Version besteht ja gerade der Vorteil, dass das Layout und somit die Seitenzahlen fest sind und (falls vorhanden) der gedruckten Version entsprechen.

2Beim wissenschaftlichen Zitieren spielt die ISBN keine Rolle. Es soll hier aber trotzdem vermerkt werden, dass jede einzelne Version eines Buches eine eigene ISBN benötigt. Ein Werk erhält somit eine ISBN für die gedruckte Variante sowie je eine für die Version im EPUB, im Mobi/AZW und im PDF-Format (und für jedes weitere Format). Dies ist für den Buchhandel relevant, aber weniger für die Zitierung im wissenschaftlichen Umfeld.

3Für Bibliotheken bietet das neue Katalogisierungsformat RDA einen eleganten Lösungsansatz für diese verschiedenen Manifestationen eines Werks. Denn das Buch als Werk wird als eine übergeordnete Einheit betrachtet und beschrieben, das in verschiedenen Manifestationen veröffentlicht sein kann. Dabei kann es sich um die Hörbuch-Fassung oder ein E-Book in verschiedenen Formaten handeln.

4Für das wissenschaftliche Zitieren benötigt man neben dem eindeutigen Titel jedoch auch noch die entsprechende Seitenzahl. Dies ist zum Beispiel bei Webseiten nicht möglich. Hier ist es allerdings noch komplizierter, da nicht nur die Darstellungsform (in Abhängigkeit vom Browser) sondern auch die Inhalte dynamisch sind. Entsprechend wird beim Zitieren das Datum erwähnt, an dem die Seite besucht worden ist. Somit gibt es bereits Quellen für wissenschaftliche Arbeiten, die ohne konkrete Seitenangabe zitiert werden.

5Berechtigte Stimmen fordern, dass man sich bei dynamischen E-Books-Formaten von der Vorstellung einer gedruckten Originalform verabschieden soll. Auch dieses E-Book entsteht direkt elektronisch und löst sich entsprechend von den Vorgaben einer gedruckten Form. Wobei die gedruckte Fassung dann einfach ein mögliches Ausgabeformat darstellt. Es gibt somit keine „eigentliche“ Seitenzahl, die im elektronischen Derivat mit Verweis auf ein gedrucktes Original eingefügt werden könnte. Nichtsdestotrotz gibt es Ansätze, die es ermöglichen sollen, eine feste Seitenzahl ins dynamische E-Book einzufügen.

2.3.1 Seitenzahlen in E-Books mit dynamischem Layout

6In den Formaten EPUB und Mobipocket/AZW gibt es üblicherweise keine festen Seitenumbrüche (ausser beim fixed Layout). Für die Verwendung auf kleineren Bildschirmen ist das ideal und somit eine wichtige Funktionalität dieser Formate. Es gibt mehrere Lösungsansätze für die Anzeige von „ursprünglichen“ Seitenzahlen (ausgehend von der gedruckten Form) in diesen dynamischen Formaten. Bei der Produktion ist das sehr einfach und naheliegend, wenn „eigentlich“ ein Buch für den Druck hergestellt wird. Das geschieht zum Beispiel mit Anwendungen wie Adobe Indesign, mit welcher das Layout gestaltet wird und dann für den Druck und elektronische als PDF und EPUB-Format ausgegeben wird.

7Seitenzahlen werden auch in den Online-Stores verwendet, um den Umfang eines Buches anzugeben. Bei rein elektronischen Publikationen scheint es auch im Interesse der Kunden sein, zu wissen, für welchen Umfang man welchen Preis zu bezahlen hat. Entsprechend berechnet Amazon den Umfang eines E-Books in Druckseiten und gibt diesen theoretischen und angenäherten Wert im Katalog an. Dieser Wert weicht tendenziell von der Seitenzahl der Druckversion ab. Amazon setzt diese Technologie offenbar auch dafür ein, um zumindest bei populären E-Books die Seitenzahlen zu berechnen, die dann auch von der Kindle-Software (auf dem Reader oder in der App) angezeigt werden.

2.3.2 PageMap von Adobe

8Adobe hat mit PageMap eine Lösung entwickelt, die als Erweiterung des Standards EPUB eingesetzt werden kann, aber nicht in diesem enthalten ist. Das bedeutet, dass PageMap nicht dem EPUB-Standard entspricht, aber beim Auslesen auf einem Reader und in entsprechender Software nicht „stört“. Der Einsatz von PageMap macht ein EPUB nicht standardkonform (also „ungültig“) und wird von sog. EPUB Checker zurückgewiesen (Fahlgren 2009). PageMap wurde in der Software Adobe Digital Editions implementiert, die als gängige Reader-Software auf vielen Geräten eingesetzt wird. Aber eben: dieser Lösungsansatz ist proprietär und wird nur von bestimmter Hard- und Software unterstützt. Der Vorteil besteht darin, dass im Reader die „ursprüngliche“ Seitennummerierung angezeigt wird und man somit zuverlässig auf die Stelle im Buch (ob gedruckt oder elektronisch) verweisen kann.

9Um PageMap zu implementieren, muss bei der Herstellung des EPUB ein spezielles File integriert werden, auf das dann im Container OPF verwiesen wird. Dieses File definiert eine Seitennummer für jede Stelle, die im Inhalt entsprechend vermerkt wurde (Fahlgren 2009). Das funktioniert ähnlich wie das standardmässige Inhaltsverzeichnis in EPUB (Anker im Dokument, Verweis in der Übersicht und Auflistung in einem speziellen File).

10Beispiel (aus EPUB Best Practices Guide, S.29):

<page-map xmlns=”http://www.idpf.org/2007/opf”>
<page name=”” href=”OPS/cover.xhtml”/>
<page name=”i” href=”OPS/preface.xhtml”/>
<page name=”ii” href=”OPS/preface.xhtml#pg_ii”/>
<page name=”iii” href=”OPS/preface.xhtml#pg_iii”/>
<page name=”1” href=”OPS/chapter1.xhtml”/>
<page name=”2” href=”OPS/chapter1.xhtml#pg_1”/>
<page name=”3” href=”OPS/chapter1.xhtml#pg_2”/>
<page name=”4” href=”OPS/chapter2.xhtml”/>
<page name=”5” href=”OPS/chapter2.xhtml#pg_1”/>
<page name=”6” href=”OPS/chapter2.xhtml#pg_2”/>
</page-map>“

11Adobe Digital Editions berechnet eine PageMap mit fixer Seitenzahl aber auch bei E-Books, die nicht entsprechend produziert wurden (bezeichnet als syntethische Seitennamen, synthetic page names). Somit entsteht eine Seitenzahl, die sich von einer Druckversion unterscheidet. Als Beispiel hier ein Screenshot aus einem offenen E-Book im Format EPUB. Diese Seitenzahl bleibt gleich, auch wenn die Schriftgrösse verändert wird.

Adobe_Seitenzahl

EPUB in Adobe Digital Editions mit fester Seitenzahl (sichtbar in Fusszeile als 13/322)

2.3.3 PageList

12Es gibt eine andere Lösung, bei der ins Inhaltsverzeichnis des EPUB (NCX) eine Erweiterung namens pageList integriert wird. Dieser Container enthält die Information über die Paginierung und bietet einen Mechanismus, um den Zielort (pageTarget) zu bezeichnen. Auch dieser Ansatz ist nicht offizieller Bestandteil des Standards EPUB, aber seine Anwendung macht das EPUB nicht ungültig (Fahlgren 2009).

13Vergleichbar mit PageMap wird ebenfalls ein zusätzliches Verzeichnis mit den Links zu den im Dokument an der gewünschten Stelle (dem Seitenumbruch) markierten Ankern angelegt, das dann als Erweiterung in der Spezifikation des Inhaltsverzeichnisses (.ncx) abgelegt wird. Ein Beispiel (aus Cook 2008):

<pageList id="page-mapping">
  <navLabel><text>Paper Edition Page Mapping</text></navLabel>
  <pageTarget id="page-iii" value="3" type="front" playOrder="82">
    <navLabel><text>Page iii</text></navLabel>
    <content src="frontmatter.html#pageiii"/>
  </pageTarget>
  <!-- ... -->
  <pageTarget id="page-105" value="105" type="normal" playOrder="192">
    <navLabel><text>Page 105</text></navLabel>
    <content src="chap5.html#page105"/>
  </pageTarget>
</pageList>

2.3.4 Definition der Position im Buch

14Amazon nutzt zum Teil auch die Möglichkeit, effektive Seitenzahlen anzuzeigen, doch nicht bei allen E-Books. Es ist zumindest mir unklar, wovon diese Funktion abhängig ist. Amazon setzt aber vor allem auf die Anzeige der Position im E-Book. Offenbar ergeben 128 Zeichen eine solche Einheit, die etwa einem vollständigen Satz entspricht. Diese Funktion wird auch für die Synchronisierung der Leseposition auf verschiedenen Geräten genutzt. Für das Zitieren ist die Angabe der Position jedoch nicht geeignet.

2.3.5 Alternative: Ziteren von Absätzen

15Die Bibel wurde und wird als Buch in so vielen Versionen mit unterschiedlichem Layout und in unzähligen Sprachen gedruckt, dass die Seitenzahl nicht relevant ist. Man setzt hier auf ein System, bei dem die Bücher, Kapitel und Verse nummeriert werden. Juristen zitieren auch keine Seitenzahlen aus Gesetzestexten, sondern Paragraph und Absatz. Warum nicht auch für E-Books, die in unterschiedlichem Layout  und im Falle von EPUB ohne festen Seitenumbruch publiziert werden, die Kapitel, Abschnitte oder Sätze nummerieren? Ich habe das bei diesem E-Book gerade umgesetzt. Wobei es mit dem aktuellen Tool noch etwas mühsam ist, weil ich die Absätze manuell durchnummeriere. Ein Ausschnitt könnte dann statt mit einer Seitenzahl mit der Nummer des Kapitels und des Abschnitts zitiert werden: (Mumenthaler 2017, Kap. 2, Abs. 34) – oder ähnlich. Alternativ kann ich mir vorstellen, dass bei einem Zitat auch die Kapitelnummer als Angebe genau genug ist. Das Zitat würde dann lauten: (Mumenthaler 2017, Kap. 3.1). Und im Literaturverzeichnis soll explizit erwähnt werden, wenn ein E-Book verwendet worden ist.

16Im Zitierstil APA wird empfohlen, Kapitel und/oder Abschnitte zu referenzieren, sofern sie im E-Books aufgeführt werden (Lee 2011):

In-Text Citations

For in-text citations of paraphrased material, provide the author and date, as for any APA Style reference. To cite a direct quotation, also provide page numbers if the e-book has page numbers. If there are no page numbers, you can include any of the following in the text to cite the quotation […]:

  • a paragraph number, if provided; alternatively, you can count paragraphs down from the beginning of the document;
  • an overarching heading plus a paragraph number within that section; or
  • an abbreviated heading (or the first few words of the heading) in quotation marks, in cases in which the heading is too unwieldy to cite in full.

17 Diese Vorgabe unterstützt also die Publikation von E-Books mittels Kennzeichnung von Abschnitten. Im APA-Stil wird auch empfohlen, den verwendeten E-Reader in eckigen Klammern anzugeben, was meiner Meinung nach aber keinen Sinn macht. Diese Angaben sind nicht wirklich nachvollziehbar und entsprechen somit nicht dem Sinn des wissenschaftlichen Zitierens. Wenn schon, wäre das Format des E-Books (PDF, EPUB, AZW etc.) relevant, zumal der einzelnen Version auch eine eigene ISBN zugewiesen wird. Doch dürfte diese Unterscheidung nicht für alle einfach sein.

18Es wird manchmal auch empfohlen, eine Website oder ein E-Book, das zitiert wird, auszudrucken oder als PDF zu formatieren, die Seiten zu nummerieren und dann so exakt zu zitieren. Das finde ich unsinnig und wird dem Medium nicht gerecht.

2.3.6 Neue Entwicklung: Kanonische Links

19Für das EPUB-Format entsteht derzeit eine Spezifikation zur zeichengenauen Referenzierung: EPub Canonical Fragment Identifiers (CFIs). (http://www.idpf.org/epub/linking/cfi/epub-cfi.html) Aus dem Vorwort:

20The Web has proven that the concept of hyperlinking is tremendously powerful, but EPUB Publications have been denied much of the benefit that hyperlinking makes possible because of the lack of a standardized scheme to link into them. Although proprietary schemes have been developed and implemented for individual Reading Systems, without a commonly-understood syntax there has been no way to achieve cross-platform interoperability. The functionality that can see significant benefit from breaking down this barrier, however, is varied: from reading location maintenance to annotation attachment to navigation, the ability to point into any Publication opens a whole new dimension not previously available to developers and Authors.

21Jens Mittelbach und Martin Munke (2017) kommentieren diese Entwicklung im Blog der SLUB Dresden folgendermassen:

„Die Möglichkeit, jedes textuelle Fragment einer EPub-Datei exakt zu referenzieren, geht somit weit über die Seitenangabe beim traditionellen Printmedium hinaus. Es bleibt abzuwarten, wie weit diese Spezifikation für Hersteller von Inhalten und Lesegeräten bzw. Software als verbindlich angesehen und umgesetzt wird. Die elektronische Form als inhärent nicht zitierfähig zu verunglimpfen ist jedenfalls bereits heute nicht haltbar.“

Literatur zum Kapitel

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